Kinderarmut in Stormarn – 7300 Kinder sind betroffen

Kinderarmut in Stormarn. Vielleicht hast du es auch schon mal gesehen: Einmal im Jahr stecken tausende blaue Fähnchen in der Wiese vor Schloss Ahrensburg. Heute war es wieder so weit und ich habe mir die Aktion vor Ort angeschaut. Denn leider hat sie einen traurigen Hintergrund: Rund 7.300 Kinder und Jugendliche im Kreis Stormarn leben in Armut. Für jedes einzelne steht ein Fähnchen in der Wiese.
7300 Kinder in Armut
Der Kinderschutzbund Stormarn organisiert die Aktion „Fähnchen gegen Kinderarmut“ im Rahmen der Stormarner Kindertage. Gesteckt haben die Fähnchen Schülerinnen und Schüler der Stormarnschule und der Beruflichen Schule Ahrensburg. Begleitend dazu beschäftigen sie sich im Unterricht mit dem Thema Kinderarmut: Wie erkenne ich sie? Und was kann man dagegen tun?
Die Zahlen dahinter stimmen nachdenklich:
- Gut 17 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Stormarn sind von Armut betroffen – also fast jedes sechste Kind.
- Die Zahl ist seit Jahren etwa gleich hoch. Es wird nicht schlimmer, aber eben auch nicht besser.
- Gezählt sind nur die Kinder, die Anspruch auf Leistungen für Bildung und Teilhabe (BuT) haben. Familien, die knapp über der Grenze liegen, können sich auch kaum mehr leisten.
- Viele Familien beantragen die Hilfen gar nicht: weil sie nichts davon wissen, der Antrag zu kompliziert ist oder sie sich für ihre Situation schämen.
Kinderarmut bedeutet immer auch, dass die Eltern ein geringes Einkommen haben. Mindestlohn und Bürgergeld wurden in den vergangenen Jahren zwar erhöht – aber die Ausgaben für den Lebensunterhalt steigen noch stärker. In den ärmsten Familien reicht das Geld häufig nicht bis zum Monatsende. Und das trifft am Ende vor allem die Kinder.

So sieht Kinderarmut im Alltag aus
Von außen sieht man Kinderarmut oft gar nicht. Kinder und Jugendliche sind meistens sehr gut darin, zu verheimlichen, dass sie nicht die gleichen Voraussetzungen haben wie ihre Mitschüler:innen. Dabei sieht es häufig so aus:
- Schulsachen fehlen, abgenutztes Material wird nicht ersetzt.
- Das Frühstück wurde „vergessen“.
- Kinder erfinden Ausreden, warum die Eltern Beiträge nicht gezahlt haben.
- Hausaufgaben werden nicht gemacht – weil kein Computer da ist oder kein ruhiger Platz zum Lernen.
- Es gibt keine Geburtstagsfeier, weil das Geld dafür fehlt.
- Manche Kinder waren noch nie im Urlaub – nicht einmal an der nahen Ostsee.
Von Ahrensburg brauchst du etwa in einer Stunde an die Ostsee – und es gibt Kinder aus Stormarn, für die selbst das unerreichbar ist.
Auch die Eltern verzichten oft auf vieles, damit für die Kinder wenigstens etwas Kleines drin ist. Und das Armutsrisiko hört mit 18 nicht auf: In Schule und Ausbildung, dazu die hohen Mieten, bleibt die Lage für viele junge Erwachsene sehr schwierig.
Renate Günther, Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes, erklärt: „Armut nimmt Kindern nicht nur finanzielle Möglichkeiten, sondern kann ihre Chancen auf Teilhabe, Freizeit, soziale Kontakte und ein gutes Aufwachsen stark einschränken. Doch Kinder haben ein Recht auf diese Dinge.“ Kinderarmut ist kein individuelles Versagen einer Familie – das Recht der Kinder auf Teilhabe steht in der UN-Kinderrechtskonvention.

Das fordert der Kinderschutzbund
Um die Situation der Kinder zu verbessern hat der Kinderschutzbund seine Forderungen klar formuliert:
- Kostenlose Freizeitangebote und Beratung: Sportverein, Musikschule, Ferienprogramm müssen für alle Kinder möglich sein. Das gleiche gilt für Beratungsstellen aller Art.
- Kostenfreie Schule: Grundsätzlich ist es zwar gebührenfrei, in Deutschland zur Schule zu gehen – aber Hefte, Taschenrechner, Kopiergeld und Klassenfahrt kosten oft viel Geld.
- Kostenloses Mittagessen in Kita und Schule: Kein Kind sollte hungrig im Unterricht sitzen oder auch hungrig nach Hause gehen und nicht wissen, was dort wartet und wann es die nächste Mahlzeit bekommt.
- Orte der Begegnung: Jugendzentren, Spielplätze und Familienzentren erhalten und neue schaffen – Plätze, die Kinder nutzen können, ohne dafür Eintritt zahlen zu müssen.
- Hilfen bekannter und einfacher machen: Viele Familien wissen gar nicht, welche Möglichkeiten der Unterstützung es gibt. Das möchte der Kinderschutzbund ändern. Außerdem sollen die unterschiedlichen Leistungen besser aufeinander abgestimmt werden. Hierfür müssen Behörden besser zusammenarbeiten.
- Geld gezielt dort einsetzen, wo es am nötigsten ist: Öffentliche Mittel sollten zuerst den Kindern zugute kommen, die am stärksten benachteiligt sind.
- Bildungskommune vorantreiben: Der Kreis hat sich vorgenommen, allen Kindern den Zugang zu Bildungsangeboten zu erleichtern. Der Kinderschutzbund möchte, dass das nicht in Vergessenheit gerät.
- Schule und Jugendhilfe verzahnen: Lehrer:innen und Sozialarbeiter:innen in Jugendeinrichtungen sollten sich austauschen und im Optimalfall zusammenarbeiten. So bekommen Kinder und Jugendliche optimale Untertützung.
- Kinder mitentscheiden lassen: Wenn ein Spielplatz, ein Schulweg oder ein Stadtteil geplant wird, sollen Kinder und Jugendliche gefragt werden – nicht nur die Erwachsenen.

Das können wir alle gegen Kinderarmut tun
Die großen Forderungen richten sich an Politik und Kreis. Aber ein bisschen können wir alle tun – im ganz normalen Ahrensburger Alltag:
- Hinschauen statt wegsehen. Wenn ein Kind im Umfeld ständig „vergessen“ hat, Geld oder Frühstück mitzubringen, steckt vielleicht mehr dahinter.
- Über Hilfen sprechen. Viele Familien wissen nicht, dass es finanzielle Unterstützung für Bildung und Teilhabe gibt. Sprich darüber und biete Unterstützung an, wenn das nötig sein sollte.
- Bei Feiern und Ausflügen auch an andere denken. Kinder und bedürftige Familien trauen sich oft nicht, über ihre Situation zu sprechen, und sagen lieber ab, als um Hilfe zu bitten. Plant Ausflüge, die kostengünstig sind, oder vielleicht ist es möglich, einen Topf anzulegen, aus dem einige Ausgaben bezahlt werden.
- Im Verein nachfragen, ob es Möglichkeiten für Kinder gibt, deren Eltern den Beitrag nicht zahlen können – und darauf aufmerksam machen.
- Den Kinderschutzbund Stormarn unterstützen – mit Zeit oder mit einer Spende.
- Zu den Stormarner Kindertagen gehen. Die Fähnchen sind nur eine von vielen Aktionen.
Alle Infos zu den Stormarner Kindertagen, den Aktionen und dem Kinderschutzbund findest du auf stormarner-kindertage.de.
Für alle, die sich „Sorgen“ machen und dies z. B. in Facebook-Kommentaren zum Ausdruck gebracht haben: Die Fähnchen werden selbstverständlich noch am selben Abend wieder eingesammelt. Die 7.300 Kinder, für die sie stehen, sind morgen aber immer noch da.
