Kriegsenkel – eine neue Gesprächsgruppe für Ahrensburg

Kriegsenkel – eine neue Gesprächsgruppe für Ahrensburg

Der zweite Weltkrieg endete 1945 – seine Folgen sind allerdings auch heute noch präsenter als den meisten Menschen bewusst ist. Eine ganze Generation wurde geprägt und traumatisiert von den Schrecken des Krieges – Tod, Vertreibung, Bombennächte. Erfahrungen, die diese Menschen veränderten und es ihnen oft schwer machten, liebevolle Eltern zu sein. Und so litten im nächsten Schritt nicht nur die Kinder des Krieges, sondern auch deren Kinder, die Kriegsenkel. In Ahrensburg gibt es nun eine neue Gesprächsgruppe, die diesen Kriegsenkeln ermöglicht, sich auszutauschen. Initiiert und geleitet wird die Gruppe von Angelika Grabow, Psychotherapeutin, Heilpraktikerin und selbst Kriegsenkel. Im Interview erzählt sie, worum es bei dem Thema genau geht und was die Teilnehmer erwartet.

Was genau versteht man unter Kriegsenkeln?

Angelika Grabow: Kriegsenkel sind Kinder, bzw. Männer und Frauen, deren Eltern im Zweiten Weltkrieg Kinder oder Jugendliche waren. Also die zweite Generation nach dem Krieg und heute   zwischen 50 und etwa 70 Jahren jung.

Wann und wie bist du auf das Thema gestoßen?

Mit etwa 14 Jahren erfuhr ich, dass der Mann, den ich für meinen Vater hielt, nicht mein Vater war. Daraus entstand ein – zunächst eher diffuser – Prozess, in dessen Verlauf ich über das Leben meiner Mutter, meiner eigenen Kindheit, der damit verbunden Gewalterfahrung nachdachte und mich mit den Ursachen auseinandersetzte. Die Geburt meiner eigenen Tochter im Jahr 1984 war dann der Auslöser dafür, dass ich mich intensiv mit meiner Rolle als Mutter befasste. Welche Erfahrung und Vorstellungen von Liebe, Vertrauen, Sicherheit und Stärke hatte ich. Was waren meine Werte, was davon hatte ich als Kind erfahren und was wollte ich an meine Tochter weitergeben.

Vergangene Zeiten, Angelika Grabows Vorfahren – Foto: privat
Vergangene Zeiten, Angelika Grabows Vorfahren – Foto: privat

Der dritte Aspekt war meine berufliche Tätigkeit als Heilpraktikerin und klassische Homöopathin. Zu mir kamen Menschen mit seelischen und körperlichen Symptomen, deren Ursache schulmedizinisch nicht geklärt werden konnte. Im Rahmen eines ersten Anamnese-Gesprächs ging ich gemeinsam mit dem Klienten seinen Lebensweg nach und wir erfassten eine Kindheit mit Eltern, deren Leben vom 2. Weltkrieg geprägt war.

Welche Probleme haben Kriegskinder, bzw. -Enkel häufig?

Viele Kriegskinder oder -enkel haben das Gefühl, immer funktionieren und ständig hohe Leistung erbringen zu müssen. Wir sollen fleißig sein – eine Auswirkung der NS-Pädagogik, welche die Kriegskinder verinnerlicht und an ihre eigenen Kinder weitergeben haben. Als Kinder von Kriegskindern sollen wir es einmal besser haben. Diesen Satz kennen wir nur zu gut. Er ist eine unbewusste Botschaft unserer Eltern, das zu erreichen, was sie selber – aufgrund des Krieges – oft nicht erreichen konnten. Nach dem Krieg wollte man zeigen, dass man es wieder zu etwas gebracht hatte. Ein Auto, ein Haus, Urlaub in Italien …

Andere versuchen durch Leistung das Leid der Eltern zu mindern oder fühlen, dass sie eine Schuld tragen, auf die sie keinen Einfluss haben. In jedem Fall haben sie Probleme, ihren ganz eigenen Lebensweg zu gehen. Hilflosigkeit und Ohnmacht bei der Bewältigung von schwierigen Situationen. Fehlende Bindungserfahrungen, entweder zum Partner oder zum eigenen Kind. Das Gefühl von Heimat- oder Wurzellosigkeit, verbunden mit dem Gefühl, nicht richtig zu sein, seinen Platz im Leben nicht zu finden. Daraus entwickeln sich dann seelische Erkrankungen wie Ängste oder Depressionen (Burn Out), aber auch körperliche Schmerzen, bei denen die Schulmedizin keine Ursache finden kann.

Wie kann ich feststellen, dass ich Probleme habe, die darauf zurückzuführen sind?

Wenn ich erfolglos versuche, immer auf eine ähnliche Art und Weise Lösungen für meine Probleme oder Lebensgestaltung zu finden. Wenn ich chronisch erkranke, die Schulmedizin keine Ursache findet und auch  Tabletten oder Operationen keine Linderung bringen. Finde ich im Außen keine Lösungen, kann es sinnvoll sein, sich nach innen zu wenden und in sich hineinzuhorchen. Viele Menschen stoßen dann darauf, dass ihr Problem in ihrer Geschichte, bzw. auch der Geschichte ihrer Familie liegt.

Wie kam der Gedanke auf, eine Gesprächsgruppe für Kriegsenkel ins Leben zu rufen?

Als ich begann, mich intensiver mit dem Thema zu befassen, stellte ich fest, dass es keine öffentlichen Angebote für einen Austausch über die Auswirkungen des Krieges gab. Es war immer noch ein Tabuthema. 2011 eröffnete ich die erste Kriegskinder-Gesprächsgruppe. Das waren oft sehr emotionale Treffen. Die Teilnehmenden teilten ähnliche Schicksale. Familien hatten sich durch den Krieg aus den Augen verloren, wurden auseinandergerissen. Das Leben wurde bestimmt durch Väter, die traumatisiert waren oder überhaupt nicht zurück kamen.

Damit einher gingen oft auch Alkoholprobleme. Andere waren Flüchtlinge, hatten die Brandnächte in Hamburg miterlebt oder Vergewaltigungen mit angesehen. Leider waren die Teilnehmenden der Kriegskinder-Gesprächsgruppe gesundheitlich dann nicht mehr in der Lage, unsere Treffen zu besuchen und ich entschied ich mich, die nächste Generation – also die Kriegsenkel – mit einzubeziehen. Beim ersten Informationsabend 2012 im Peter-Rantzau-Haus war der Andrang groß.

Wie kann ich mir die Treffen vorstellen?

Wir treffen uns einmal monatlich in der Zeit von 19 bis 21 Uhr. Wir erzählen was uns bewegt, welche Erfahrungen wir in der Auseinandersetzung mit der Thematik gemacht haben oder hören einfach nur zu. Wir informieren über Möglichkeiten von Recherchen, schauen Filme oder besprechen Bücher. Das Ziel ist, endlich einmal darüber zu reden und die Seele vielleicht auch ein bisschen von der Last des Schweigens zu befreien.

Wieviele Menschen sind in einer solchen Gruppe?

Es sind maximal 10 Teilnehmende und ein vorheriges, persönliches Telefongespräch ist für eine Anmeldung erforderlich. Überwiegend besuchen Frauen die Gruppe, aber hier würde ich mir wünschen, dass sich mehr Männer für die Kriegsenkel-Thematik innerhalb der Familie öffnen und sich trauen, ihre Gedanken und Gefühle auszusprechen. Das Alter der Teilnehmenden schwankt zwischen 50 und 70 Jahren.

Die Kriegsenkel treffen sich einmal im Monat im Peter-Rantzau-Haus – Foto: Nicole Stroschein
Die Kriegsenkel treffen sich einmal im Monat im Peter-Rantzau-Haus – Foto: Nicole Stroschein

Gab es in vorangegangenen Gruppen Situationen oder Entwicklungen, die dich besonders berührt haben?

Es ist sehr berührend zu hören wie erleichtert die Teilnehmenden sind,  zu erfahren, dass sie mit ihren Problemen und Gedanken nicht allein sind. Manche sind zunächst sehr zurückhaltend, entwickeln dann aber auch den Mut, von sich zu erzählen. Immer in dem Wissen, dass niemand be- oder verurteilt wird, denn das ist mir in meiner Begleitung wichtig. Gemeinsam nehmen wir wahr, dass wir in dieser Welt mit allem verbunden sind, und dass alles was geschieht, auf jeden Einfluss hat.

Mit der, in der Gruppe erfahrenen Offenheit, beginnen die Teilnehmenden dann auch das Gespräch in ihrer Familie. Einige hinterfragen Kontaktabbrüche in ihrer Familie, andere vertiefen Bindungen und es gelingt ihnen, sich auf ihrem Lebensweg neu zu orientieren. Manchmal haben unsere Treffen sogar positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Am Schönsten aber ist es eigentlich, wenn die Teilnehmenden die Gruppe verlassen, weil sie ein wenig mehr über sich erfahren haben und ihre Lebenssituation besser annehmen können. Sie sind damit ihrem inneren Frieden ein gutes Stück näher gekommen.

Informationen für Interessenten

Du interessierst dich für die neue Selbsthilfegruppe? Dann kannst du direkt Kontakt mit Angelika Grabow aufnehmen (Tel. 04102 / 82 49 737) oder weitere Infos auf ihrer Homepage nachlesen. Das erste Treffen ist für den 4. März 2020 um 19 Uhr geplant.

Angelika Grabow – Foto: Cornelia Hansen
Angelika Grabow – Foto: Cornelia Hansen

Hintergrund: Ahrensburg im zweiten Weltkrieg

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten in Ahrensburg nur 8270 Menschen. Am Kriegsende stieg die Bevölkerungszahl von Ahrensburg auf über 18.000 Menschen. Es waren viele ausgebombte Hamburger und durch zahlreiche Flüchtlinge aus dem Osten Deutschlands dazugekommen. Am 18. Januar 1949 erhielt der Ort das Stadtrecht. Zu diesem Zeitpunkt hatte Ahrensburg 17.775 Einwohner – etwa die Hälfte davon waren Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten.

Das Kriegerdenkmal in Ahrensburg erinnert an die Opfer der beiden Weltkriege und des Nationalsozialismus – Foto: Nicole Stroschein
Das Kriegerdenkmal in Ahrensburg erinnert an die Opfer der beiden Weltkriege und des Nationalsozialismus – Foto: Nicole Stroschein

So ist es natürlich kein Wunder, dass bis heute viele Ahrensburger von den Erlebnissen ihrer Eltern und Großeltern geprägt wurden. Du hast selbst eine Familiengeschichte, die durch den Krieg beeinflusst wurde? Vielleicht besitzt du auch noch Fotos aus früheren Zeiten? Ich würde mich sehr freuen, Menschen zu finden, die mir ihre ganz persönliche Geschichte erzählen und sie so auch mit anderen Ahrensburgern teilen mögen. Hier auf dem Blog. Schreib mir gern eine Mail oder hinterlasse einen Kommentar unter diesem Beitrag, dann können wir über alles weitere in Ruhe sprechen.

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